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Das Baby „schreien lassen“ - Was passiert mit dem Kind?

Das Baby „schreien lassen“ - Was passiert mit dem Kind?

Auch weit über den Zeitraum der Wochenbettbetreuung hinaus, werde ich als Hebamme mit dem Thema Schreien konfrontiert. Viele Mütter melden sich verzweifelt bei mir und suchen nach Rat. Dieses Gefühl der Machtlosigkeit, einerseits seinem Baby nicht helfen zu können, und andererseits die Erschöpfung der Mutter. Durch das viele Schreien erlebe ich häufig, dass Mütter am Rande der Verzweiflung stehen. Du hast sicher auch bereits von den verschiedensten Methoden gehört, wie man auf scheinbar leichte Art und Weise seinem Kind das Schlafen oder die Beruhigung beibringen kann.

Kann ich meinem Baby Schlaf antrainieren?

Eine weit verbreitete „Trainingsmethode“ ist das „Schreien lassen“ von Babys. Das ist den meisten Müttern und Vätern wohl durch den Bestseller „Jedes Kind kann Schlafen lernen“ von Annette Kast-Zahn und Hartmut Morgenroth ein Begriff. Kurz gesagt, geht es hierbei darum, das Neugeborene „kontrolliert“ schreien zu lassen. Es soll so lernen, alleine ein- und durchzuschlafen. Es werden verschiedene Intervalle vorgegeben, nach denen die Eltern die Babys und Kinder erst nur wenige Minuten schreien lassen und die Zeiträume dann immer länger werden. Ich habe von vielen Fällen gehört, bei denen das scheinbar gut geklappt hat. Jedoch stellt sich für mich immer die Frage, zu welchem Preis das erfolgt.

Schreien ist immer ein Hilferuf

Ein Baby weint nicht, um uns Mamas, Papas oder wen auch immer zu ärgern. Irgendeinen Grund hat das Baby, warum es weint. Vielleicht tut das Bäuchlein weh, eventuell hat das Weinen eine anatomische Ursache oder dein kleiner Schatz ist ein sogenanntes Schreibaby. Es kann auch einzig und allein daran liegen, dass es einfach unzufrieden oder schlecht gelaunt ist. Das geht ja jedem mal so.

Weinendes Baby mit ausgestreckten Armen in schwarz-weiß
Wenn ein Baby weint, ist das immer ein Hilferuf. Eltern sollten daher immer darauf reagieren.

Dein Baby ist auf dich angewiesen. Es verlässt sich in allen Lebenslagen auf dich. Es vertraut darauf, dass du ihm genug zu essen gibst, die Windel regelmäßig wechselst, dich um die Babypflege im Allgemeinen kümmerst, darauf achtest, dass es immer schön warm eingepackt ist. Du bist einfach die Bezugsperson Nummer 1. Umso verwirrender ist es für das Baby, wenn auf das Schreien nicht reagiert wird. Versteht mich nicht falsch, ich bin keine hysterische Mama und plädiere auch nicht dafür, bei jedem Mucks des Babys gleich zu springen. Aber warum signalisieren wir unserem Kleinen, dass es, sobald es schreit, nicht gehört wird, und am besten so lange schreien soll, bis es erschöpft einschläft?

Das ist es nämlich, warum es in vielen Fällen mit dem Schlafen klappt: Das Baby gibt auf. Denn die einzige Möglichkeit, sich Gehör bei seiner Bezugsperson zu verschaffen, funktioniert nicht. Aber wirklich verstehen tut es das Baby nicht.

Das Urvertrauen stärken

Mit der Zeit lernt das Baby einfach, dass sein Schreien keinen Erfolg hat und es alleine gelassen wird. Es verliert das Urvertrauen in Mama und Papa und ist sich selbst ausgeliefert, da keiner zur Hilfe kommt. Das ist für Babys schwer zu ertragen, denn sie wissen ja nicht, ob Mama für immer verschwunden ist oder nur vor der Türe des Kinderzimmers steht. Babys haben ein ganz anderes Weltverständnis als wir Erwachsene. Sie müssen erst einmal sich selbst im Raum entdecken - sie haben keine Vorstellung davon, was sich alles in der großen weiten Welt verbirgt, selbst wenn es nur um den Bereich außerhalb des Babybettchens geht. Daher schalten sie beim "Schreien lassen" einfach ab. Sie lernen dadurch ganz früh, dass ihnen kein Gehör geschenkt wird, dass sie ihre überlebenswichtigen Bedürfnisse zurückschrauben müssen. Es gibt immer einen Grund, warum ein Baby nachts wach wird. 

Schreien ist für Babys eine Überlebensstrategie

Evolutionsbedingt ist es den Babys sogar in die Wiege gelegt, nachts eben nicht durchzuschlafen, sondern den Bezug zu ihren Bindungspersonen zu suchen. Dieser Urinstinkt hat sie davor bewahrt, zu erfrieren, zu verhungern oder gar von wilden Tieren gefressen zu werden. Das ist natürlich heute kein Thema mehr, dennoch ist dieser Schutzmechanismus noch ganz tief verwurzelt. Babys geraten daher in Panik, sie wissen nicht, dass wir eine Heizung haben, sich keine wilden Tiere in das Kinderzimmer schleichen oder die Mama nur im Wohnzimmer ist. Daher sollten Eltern immer auf das Weinen reagieren.

Ich kenne das selbst, manchmal findet man einfach keinen Grund, warum das Kleine schon wieder so bitterlich weint. Viele sogenannte Schreibabys weinen und weinen. Mama und Papa sind am Rande des Nervenzusammenbruchs, weil man nicht mehr weiter weiß. Da hilft es oft, sich Hilfe von außen zu suchen: Oma, Opa, Freundin… Wer auch immer deinem Baby gerade zeigen kann “Schatz, ich bin für dich da und kümmere mich um dich”. Die Bindung zu den Eltern ist so wertvoll und daher solltest du sie stärken und deinem Baby die so gewünschte Nähe bieten.

Psychische Auswirkungen des "Schreien lassens"

Mittlerweile gibt es viele Untersuchungen, wie sich das “Schreien lassen” von Babys auf die Entwicklung des Gehirns auswirkt. Beispielsweise kann der frühkindliche Stress dazu führen, dass das Stressreaktions-System im Körper dauerhaft überempfindlich ist oder das Kind im späteren Leben für Depressionen, Angststörungen, Essstörungen, Asthma oder Alkoholmissbrauch anfälliger wird. 

Babys, die bindungssicher aufgewachsen sind, haben beispielsweise eine bessere Sprachentwicklung, Gedächtnisleistung, Kreativität oder Flexibilität.

Das Kind muss lernen, dass seine Gefühle wahrgenommen und darauf reagiert wird, erst dann kann es anderen gegenüber empathisch sein. Ein Baby, das sich sein Leben lang in den Schlaf geweint hat, wird sich womöglich im Erwachsenenalter schwer tun, seinen eigenen Bedürfnissen und die seiner Mitmenschen gerecht zu werden.

  • Hebamme Anna-Maria Maier

    Autorin: Hebamme Anna-Maria Maier

    Als Hebamme begleitet und unterstützt Anna-Maria Maier Frauen während der Schwangerschaft, bei der Geburtsvorbereitung und im Wochenbett. Nun schreibt die Gründerin von Mamalie Geburtsvorbereitung für die Wunderwiege und teilt ihr Expertenwissen gerne mit uns und dir. Mehr erfahren

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